Dr. Oliver Bohl im opti-Gespräch

Dr. Oliver Bohl, Vorsitzender der Fokusgruppe Digital Commerce im Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V. spricht im Interview über die Chancen der Digitalisierung für die Augenoptikerbranche.

"Gefahren in der Wahrnehmung des digitalen Wandels"

opti: Welches Potenzial sehen Sie bei den Augenoptikern im Bereich Digitalisierung?

Dr. Oliver Bohl: Kunden unterscheiden heute nicht mehr zwischen online und offline. Sie erwarten egal in welchem Handelssegment, an jeder Stelle und zu jeder Zeit den Zugriff auf relevante Informationen.

Für Optiker liegt die Chance vor allem in der Schaffung und dem Angebot von Mehrwertservices für Kunden. So können Käufe unter direktem Einbezug des Konsumenten gezielt unter Nutzung digitaler Touchpoints (Website, App) vorbereitet werden. Vor Ort kann sich der Optiker dann darauf aufbauend auf die vertiefte Beratung konzentrieren.

Einige Services können zudem direkt digital angeboten werden und weitere Verkäufe sowie Ersatzlieferungen lassen sich via Versandhandel abwickeln - den größten Mehrwert für den Kunden bietet die sinnvolle Verzahnung aller Kontaktpunkte.

opti: Sie sehen also für die augenoptische Branche große Chancen in der Digitalisierung, weil Ihrer Meinung nach derzeit der Verkauf zu 90 Prozent stationär und zu 10 Prozent online erfolgt. Auf welche Studie stützen Sie sich und welche Aussagekraft haben diese Zahlen über die digitale Zukunft? 

Dr. Bohl: Diese Aussage stützt sich nicht ausschließlich auf die Verkaufszahlen - hier wurden in den letzten Jahren zwischen 3 und 5 Prozent gemessen, beispielsweise in der häufig zitierten Studie des ZVA. Stets wird hier aber von einem rasanten Wachstum mit in der Regel über 20 Prozent jährlich ausgegangen.

"Der Kunde ist den Händlern nicht selten einen Schritt voraus"

Ein Potenzial, welches sich nicht zwingend rein auf die Pure Player verteilen muss. Die Optiker vor Ort sollten ihre Bekanntheit und ihre Reputation gezielt auch in digitalen Kanälen einsetzen. Und in Bezug auf die Marktgröße ist es hier auch wichtig, Brillen, Sonnenbrillen und Kontaktlinsen ohne Korrektur hinzuzurechnen. Nimmt man diese hinzu, erscheint mir ein Anteil über zehn Prozent des Onlinehandels schon heute nicht allzu hoch gegriffen.

opti: Wo liegen Ihrer Meinung nach die Gründe, weshalb sich manche Branchen wie die Augenoptiker derzeit noch schwerer tun, sich mit der Digitalisierung "anzufreunden"?

Dr. Bohl: Eine Gefahr liegt darin, den digitalen Wandel nicht als solchen wahrzunehmen. Für viele Branchen vollzieht sich der digitale Wandel eher sukzessive und nicht als großer, abrupter Umbruch.

Hier gilt es jedoch die Chancen frühzeitig zu identifizieren, früh Erfahrungen zu sammeln und Geschäftsmodelle und -prozesse nachzujustieren. Der Kunde ist den Händlern nicht selten einen Schritt voraus. Oftmals sind aber allein aufgrund der Umsatzgröße die digitalen Ansätze aktuell noch eher kleine, zarte Pflänzchen - eine gewisse Gefahr besteht also, dass die digitalen Ansätze den größeren Umsätzen in den Ladengeschäften untergeordnet und damit Chancen vertan werden.

opti: Welche Gefahren sehen Sie, wenn die Augenoptikerbranche sich diesen neuen Technologien verschließt? Aus Fehlern welcher Branchen sollten die Augenoptiker lernen?

Dr. Bohl: Es besteht einerseits die Gefahr, dass sich die Optiker dem aufkommenden Druck neuer Technologien - wie beispielsweise dem 3D-Druck von Sehhilfen - verschließen. Andererseits werden neue Services, welche auf die Anforderungen der Nutzer nach einer erhöhten Convenience einzahlen, nicht oder erst verspätet etabliert.

Zudem greifen nur wenige aus der Branche die Potenziale der gezielten Nutzung von digitalen Touchpoints aktiv auf - beispielsweise um Nutzer gezielt in die Filialen vor Ort zu leiten. Dies öffnet die Tür für Angreifer aus dem Pure-Play-Segment.

Zur Person

Foto: Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V.

Dr. Oliver Bohl ist Vorsitzender der Fokusgruppe Digital Commerce im Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V.

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